Samstag, 12. Mai 2012

Aufm Weg und angekommen – Befreiungsprosa des inneren Monologs

Redebeitrag der Linksjugend ['solid] zur Antifa-Tanzdemo am 8. Mai - Tag der Befreiung:



Es ist ein Tag wie jeder andere Tag. Der Wecker reißt mich wie jeden anderen Morgen zu früh aus dem kurzen Schlaf. Der Nachrichtensprecher einer Radiosendung kündet wieder von der Pleite Griechenlands, deren Ursache in der gängigen Praxis von Bestechung und Vetternwirtschaft zu finden sei. Ich höre nur mit einem Ohr zu, während ich es bereue den Sender noch nicht umgestellt zu haben. Die Zeit ist knapp. Ich muss los, gehe in der der morgendlichen Frische eines sommerlichen Tages, in schnellen Schritten der S-Bahnstation hastend entgegen. 

In der vollen S-Bahn rempelt ein junger Mann eine andere Person an. Der beiläufige Rempler wird hinter mir Teil eines Gesprächs zwischen zwei Fahrgästen, über integrationsunwillige Türken die nicht Willens sind sich den hiesigen Geflogenheiten anzupassen. Meine Ohren fühlen sich heute schon zum zweiten Mal belästigt, weshalb ich sie mit wohltuender Musik für ihr Ungemach entlohne. 

An der nächsten Station werde ich in der Wartezeit von dem Infoscreen abgelenkt. Es geht um das Versagen des Verfassungsschutzes, im Zusammenhang mit dem Nationalsozialistischen Untergrund. Der Begriff der „Dönermorde“ taucht nicht mehr auf. Will mensch darin Fortschritt erkennen? Der kurze Text handelt von der Blindheit des Verfassungsschutzes auf dem rechten Auge. Ich wundere mich. Weniger darüber, dass der Vorfall keine Konsequenzen nach sich ziehen wird, als darüber, dass nicht nur der Verfassungsschutz auf dem rechten Auge blind ist. 

Wir sind es. Wir sind es die blind sind. Wir sind es wenn wir über korrupte Griechen reden, oder den Berichten über sie glauben schenken. Wir sind es, wenn wir Klischees von anderen Menschen aufgrund einer vermeintlich unterschiedlichen Herkunft aufwärmen. Es wird sich über Terror der Nationalsozialisten empört, – zu recht – aber wer empört sich über den Wirtschaftsimperalismus Deutschlands der half das Elend in Griechenland zu befördern? Wer empört sich über die toten Flüchtlinge an den Küsten des europäischen Kontinents; die verschwendeten Leben deren Wunsche ein sichere Existenz war? Wer empört sich über die alltägliche Ausgrenzung durch vergiftete Blicke, kleine Gehässigkeiten, oder verletzender Worte in Höreichweite des Rückens? Wer empört sich darüber, dass wir täglich, der patriarchalen Logik folgend andere Menschen ausschließen? 
 
Nationalsozialismus und Faschismus sind Verbrechen, weil sie eine pluralistische Gemeinschaft verhindern. Eine Gemeinschaft deren Minimalkonsenz in der Freiheit des Einzelnen vom Zwang der Gruppe sein sollte und welche die Zwanglosigkeit der selbstorganisierten Gruppe durch alle anderen Gruppen gewährleistet. Doch bleibt zu bedenken, dass die Freiheit zentimeterweise stirbt, wie es so schön heißt. Das Siechtum der Freiheit fängt nicht erst bei den Nazis an, sondern in unserem alltäglichen Gegeneinander. Damit sind nicht die Meinungsverschiedenheiten gemeint die uns neue Horizonte eröffnen, sondern die Ausgrenzung von Ansichten die einer pluralistischen Gesellschaft förderlich sind. 
 
Heute ist der 8. Mai, der Tag der Befreiung, von einer ins absolute Extrem gesteigerten patriarchalen Gesellschaftsformation. Gedenken wir unserer Opfer die in den KZs ihr Leben ließen. Gedenken wir unserer Opfer die uns der Terror des Nationalsozialistischen Untergrunds nahm. 
 
Gedenken wir aber auch an diesem Tag unseren eigenen Taten die eine patriarchal faschistische Gesellschaft verhindern helfen. Feiern wir in diesem Sinne den Untergang Hitlerdeutschlands. Feiern wir an diesem Tag die Vielgestaltigkeit des Lebens. 
 
Von der einfahrenden S-Bahn werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Erst als ich wieder im fahrenden Zug sitze merke ich wie meine Gedanken den Sätzen gleichen welche ich auf der Demo von mir geben will. Die S-Bahn hält wieder, ich steige aus, gehe auf die Demo, steige auf den Wagen und halte eine Rede mit den Worten meiner lebhaften Gedanken. Ich bin angekommen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen